Weil wir Menschen nicht digital sind.

Digitalisierung ist das Schlagwort unserer Zeit. Jeder und Alles macht sich auf den Weg digital zu werden. An digitale Landkarten, Schlüssel, Bilder und Musik haben wir uns schon längst gewöhnt. Die wachsenden Möglichkeiten von Virtual und Augmented Reality lassen inzwischen ganze Welten digital werden. "Software eats the world". Denn mit fortschreitender Digitalisierung werden immer mehr Dinge entmaterialisiert. Sie verlieren ihre bekannte Gestalt, werden unfassbar. Und nicht nur Dinge, auch Begegnungen werden zunehmend digital - via Mail, Chat, Videoconferencing verlieren auch wir in der Begegnung ein Stück unserer Fassbarkeit.

 

Und das ausgerechnet jetzt, wo neuere Forschungen immer mehr unseren Körper in den Mittelpunkt unserer Intelligenzbildung stellen. Jahrhundertelang überdauerte Descartes „Cogito ergo sum“ als Siegeszug der Kognition. Dass der Mensch einen Körper hat und damit neben dem Kopf auch auf andere Intelligenzzentren zurückgreift, wurde lange Zeit vernachlässigt. Heute wissen wir, dass unser Körper mit seinen nichtsprachlichen, unbewussten Prozessen auf Basis von Gefühl und Situation, lange bevor unser Kopf ins Spiel kommt, die Grundlage für Intelligenz bildet. Embodiment prägt daher die neuere Kognitionswissenschaft. Mit zunehmender Digitalisierung stellt sich nun die spannende Frage: Wie gehen Entmaterialisierung und Verkörperung zusammen? Wie kann der Mensch in Ergänzung zu einem mehr und mehr virtuellen Arbeiten und Leben der Verkörperung ausreichend Raum geben? Und wo kann er insbesondere in der Arbeitswelt mit seiner Kreativität, seinen Emotionen, seiner Intuition und Inspiration einen Gegenwert zu einer stetig zunehmenden Null-Eins-Logik setzen?

 

Gerade in der Begleitung von Menschen ist es aus unserer Sicht wichtig, alle Intelligenzzentren unseres Körpers zu nutzen und im Zusammenspiel zu stärken. Wenn die Dinge um uns herum zunehmend unfassbar werden, die Informationsdichte weiter wächst und sich die Welt noch schneller dreht, brauchen wir Stabilität und Sicherheit in uns selbst. Neben der Kognition brauchen wir einen guten Zugang zu unserer Schaffenskraft, zu unserer Intuition, zu unseren Emotionen und die Verwurzelung in unserem Körper. Haptische Erfahrungen und Methoden, die neben dem Kopf unseren Körper und unsere Emotionen als weitere Intelligenzzentren integrieren, sind hierfür ein Schlüssel. Denn wenn uns die Digitalisierung immer mehr Flügel verleiht und unfassbare Dinge möglich werden, brauchen wir eine gute Verwurzelung, um nicht losgelöst von uns selbst davonzuschweben.

 

Nicole Krüttgen & Melanie Erzberger