Drop your tools or you will die!

Ein gut bestückter Werkzeugkasten ist wichtig sowohl in der Führungs- als auch Beratertätigkeit. Die hohe Kunst liegt jedoch darin, erlernte Werkzeuge auch zur Seite legen zu können, um den Blick auf die Situation nicht zu verlieren.

Was ansonsten passieren kann, hat Karl Weick* an einem eindrücklichen Beispiel dargestellt: 1949 und 1994 kamen zwei Feuerwehrmannschaften ums Leben, die bei der Waldbrandbekämpfung von explodierenden Feuerstellen überrascht wurden. In beiden Fällen wurde der Rückzug durch ihre schweren Werkzeuge wie Schaufeln, Feuerspritzen und Rucksäcke verlangsamt. Trotz eindeutiger Anweisungen ließen die Feuerwehrmänner diese nicht fallen. Ein ähnliches Beispiel gibt es aus dem militärischen Bereich. Marinesoldaten verweigern immer wieder den Befehl, bei Sinken des Schiffes vor dem Sprung ins Schlauchboot die stahlbeschwerten Arbeitsstiefel auszuziehen. In der Folge ertrinken die Soldaten oder durchlöchern mit den schweren Stiefeln das Schlauboot. 

Doch warum handelten die Feuerwehrmänner nicht entsprechend des Befehls? Diese Frage hat auch Weick beschäftigt. Für ihn ist es insbesondere die haltgebende Wirkung der Werkzeuge. Etwas, was den Männern in vielen Situationen das Leben gerettet hat, wirft man nicht so einfach weg. Zudem fehlte laut Weik durch die Fokussierung auf die traditionellen Werkzeuge der Umgang mit alternativen Instrumenten.

In der Beraterpraxis kann man nicht selten beobachten, dass durch beliebte Settings der Blick auf die Situation verstellt wird. Das Werkzeug ist sozusagen vorher da und die Situation muss sich dem anpassen. Um so schicker oder innovativer die Methode, um so besser scheint es. Doch dabei wird viel Energie in die Umsetzung des Werkzeuges gelenkt – Energie, die an anderer Stelle zur Lösung des Problems besser eingesetzt gewesen wäre.  Das gilt auch für den Führungsalltag – Mitarbeitergespräche sind hierfür ein gutes Beispiel. Das Werkzeug wird oft in Unternehmen angewandt, weil man das eben so macht. Ob die Ausführung und Umsetzung auch zur Situation des Unternehmens passt, wird dabei oft nicht beachtet. In der Konsequenz erreichen die Gespräche nicht selten das Gegenteil von dem, was sie eigentlich bewirken sollten.

Dies ist kein Appell dafür, alle Werkzeuge und Methoden über Board zu werfen. Ein gut gefüllter Werkzeugkasten ist wichtig. Es ist jedoch ein Appell dafür, sich nicht den Blick für die Situation verstellen zu lassen und mutig genug zu sein, die Werkzeuge aus der Hand zu legen, wenn die Situation es erfordert.  

 

 

* vgl. auch H. Roehl, B. Winkler, M. J-Eppler, C. Fröhlich(Hrg.): Werkzeuge des Wandels – die 30 bekanntesten Tools des Change Managements, Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 2012 S. 6 ff.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0